Ergotherapie & Rehabilitation.
Herausgeber: Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V., Schulz-Kirchner
Verlag GmbH, 41. Jg., Mai 2002, S. 21-29.
Linkshändige und umgeschulte linkshändige
Kinder sowie Kinder mit wechselndem
Handgebrauch in der Ergotherapie
von Johanna Barbara Sattler
Linkshändigkeit
ist in unserer Kultur auch heutzutage oftmals noch negativ besetzt. Schon
kleinen Kindern wird beigebracht, zur Begrüßung das "richtige"
Händchen zu benutzen, später wird die Benutzung der linken Hand
zum Schreiben oder Malen kritisch beobachtet. Obwohl inzwischen die "Umerziehung"
eines Linkshänders auf die rechte Hand auch in den Schulen nicht mehr
unterstützt wird, wird dies im familiären Umfeld häufig
noch versucht. Neben den Folgen einer solchen Umschulung haben Menschen
mit Präferenz der linken Hand auch im Alltag mit Problemen zu kämpfen.
Viele
Gegenstände und Tätigkeiten des täglichen Gebrauchs sind
für die Benutzung der rechten Hand ausgelegt, spezielle Anfertigungen
– wie etwa Scheren – müssen gesondert erworben werden oder, wenn das
nicht möglich ist, sollten bestimmte Tätigkeiten auf eine andere,
ökonomischere Art und Weise erlernt werden, z.B. das Schreiben. Die
dominante Hand sollte daher am Besten vor der Einschulung feststehen, damit
eine gezielte Förderung erfolgen kann. Die Bestimmung der Händigkeit
durch eine differenzierte Untersuchung erfordert viele theoretische und
praktische Kenntnisse, die Berücksichtigung verschiedener Bereiche
(z.B. ausführliche eigene und Familienanamnese, soziokulturelles Umfeld)
und die Anwendung verschiedener Tests. Die Ansprüche an eine umsichtige
Händigkeitsuntersuchung werden im ersten Teil dieses Artikels dargestellt,
im zweiten Teil erfolgt die Darstellung anhand eines Fallberichts.
Dr.
Johanna Barbara Sattler die Gründerin und Leiterin der Ersten deutschen
Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte
Linkshänder, München, ist Psychologin und approbierte Psychotherapeutin.
Über ihre Forschungen zur Händigkeit und Folgen der Umschulung
der Händigkeit veröffentlichte sie mehrere Bücher und viele
Fachartikel. Sie bietet Seminare und Vorträge für Angehörige
verschiedener Berufsgruppen aus den Bereichen Therapie, Schule und Erziehung
an. Fachleute aus verschiedenen Bereichen können unter ihrer Leitung
eine Zusatzausbildung zum/zur Linkshänder-BeraterIn absolvieren.
Ergotherapeuten, Heilpädagogen und Mototherapeuten gehören neben
Ärzten und Pädagogen (Lehrern und Erziehern) zu den Berufsgruppen,
die heutzutage wohl am häufigsten auf Händigkeitsfragen angesprochen
werden.
Wünschenswert ist, dass Kinder von Anfang an in ihrer angeborenen
Händigkeit belassen werden und sie nicht, wie es auch heute noch manchmal
linkshändigen Kindern geschieht, auf rechts umgeschult werden. Traditionsbedingte
Argumente oder mechanistische Überlegungen werden als Begründung
für die Umschulung zum Gebrauch der rechten Hand angeführt.
Dies betrifft besonders Kinder mit noch wechselndem Handgebrauch - gerade
diese weisen häufig zerebrale Irritationen auf (1) bzw. gehören
zu der Gruppe von Kindern, bei denen Ergotherapeuten besonders oft sensomotorische
Entwicklungsverzögerungen als eine wichtige Behandlungsnotwendigkeit
beobachten.
Alter der Manifestation der Händigkeit
Ergotherapeuten berichten inzwischen zunehmend, dass der Anteil der
linkshändigen Kinder und der Kinder mit wechselndem, noch nicht festgelegtem
Handgebrauch in ihren Praxen ansteigt. Manche sind durch diese Situation
verunsichert, da sie während ihrer Ausbildung oft nicht ausreichend
darauf vorbereitet wurden. Wenn sie nur annähernd der Problematik
gerecht werden wollen, müssen sie sich mühsam Händigkeitsuntersuchungsmethoden,
Beobachtungskriterien und den Umgang mit der Thematik Linkshändigkeit
- in einem manchmal noch von Vorurteilen und Vorbehalten geprägten
gesellschaftlichen Umfeld - in Eigeninitiative aneignen (2).
Angehende Ergotherapeuten werden in sehr unterschiedlichem Ausmaß
auf Händigkeitsfragen und -untersuchungen vorbereitet. Erst in den
letzten Jahren wird das Thema häufiger angesprochen. Lehrpläne
und Lehrvorgaben berücksichtigen Linkshänder meist nicht und
erst ganz langsam setzt sich ein Bewußtsein dafür durch, dass
Linkshänder sowohl ein Thema in der Pädiatrie als auch bei der
Rehabilitation von Unfall- und Schlaganfallpatienten ist (Lehrpläne
für die Berufsfachschulen für Ergotherapie, München, 2001,
S.124 (3)).
Bemerkenswert ist, dass in der Neufassung des Lehrplans für die
Grundschulen in Bayern ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass
"Linkshänder ... nicht zum bevorzugten Gebrauch ihrer nicht dominanten
Hand angehalten werden" dürfen. "Die angeborene Händigkeit
darf nicht umgeschult werden" (4).
Da Ergotherapeuten und andere Berufsgruppen, die mit bewegungsauffälligen
Kindern arbeiten (insbesondere Heilpädagogen, Moto- und Physiotherapeuten),
vornehmlich Kinder mit Entwicklungsstörungen verschiedenster Art in
ihren Praxen behandeln, ist notwendigerweise ihr Blick auf diese Kinder
fokussiert. Kinder, die keine derartigen Probleme haben, werden seltener
behandelt. Eher fällt das eigene Kind oder das von Freunden oder Bekannten
auf, weil es bestimmte Schwierigkeiten, die der Therapeut tagtäglich
in seiner beruflichen Arbeit antrifft, nicht hat - manchmal auch durch
eine andere Entwicklung des Handgebrauchs. Es handelt sich dabei um eine
große Gruppe von Kindern, die schon sehr früh eindeutig links-
oder rechtshändig hantieren. Manchem Ergotherapeuten erscheinen
deren Entwicklungsschritte dann oft mehr die Ausnahme als die Regel.
In der für Kinder- und Allgemeinärzte konzipierten Tab. 1
"Diagnostische Fragen zur Bestimmung der Händigkeit beim Kinderarzt"
(5), werden unterschiedliche Händigkeitsmanifestationen in verschiedenen
Altersstufen von Kindern aufgeführt.
Diagnostische Tätigkeitsbeobachtungen und Diagnosemöglichkeiten
für den Arzt werden vorgeschlagen, ebenso Überlegungen eingebracht,
welche beratenden Hinweise und Verordnungen bei entsprechender Händigkeitsmanifestation
und Alter des Kindes den Eltern gegeben werden könnten und wann therapeutischer
Handlungsbedarf gegeben erscheint. Die Tabelle entstand auf der Basis der
über 15-jährigen Forschungen und Beobachtungen in der Ersten
deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und
umgeschulte Linkshänder in München. Es wurden Händigkeitstests
und -untersuchungen an fast 10.000 Kindern und Elternbefragungen im Rahmen
der Beratungstätigkeit durchgeführt. Bestätigt haben sich
diese Ergebnisse auch im Rahmen der Fortbildungstätigkeit insbesondere
bei Kinderärzten.
Diagnostische Fragen zur Bestimmung der Händigkeit
beim Kinderarzt
Alter des
Kindes |
Händigkeitsmanifestation
des Kindes |
Tätigkeiten |
Einwirkung von außen,
Aktionen und Eigenheiten des Kindes |
Bis 10
Monate |
In Einzelfällen eindeutige
Bevorzugung der linken oder rechten Hand |
greifen |
Manchmal können z.B. hemiparethische
Störungen die Handmanifestation beeinflussen |
10 - 20
Monate |
1. Bei einem großen Anteil der Kinder eindeutige
Bevorzugung der linken oder rechten Hand
2. Wechselnder, noch nicht
festgelegter Handgebrauch
bei den anderen Kindern |
greifen
essen
spielen
erste Versuche einen Stift zu halten |
Zunehmende Reaktionen der Umwelt
auf die Linkshändigkeit. Manchmal werden linkshändig veranlagte
Kinder nach rechts umgeschult.
Das Kind selbst reagiert durch Nachahmungs- und Modellverhalten
auf die Umwelt.
Probleme, Mittellinie nicht überkreuzen zu können
und evtl. Asymmetrie durch noch vorhandene frühkindliche Reaktionen
wie ATNR u.ä. |
4 - 5,5 Jahre
|
1. Der bevorzugte Handgebrauch hat sich bei vielen Kindern
auf links oder rechts stabilisiert
2. Manche Kinder wechseln nach wie vor den bevorzugten
Handgebrauch
|
wie oben sowie komplizierteres
Hantieren, Benutzen von Werkzeugen, Stiften, anspruchsvollere
feinmotorische Tätigkeiten |
- Automatisierung von Tätigkeiten
manchmal auch auf der nicht dominanten Hand durch Erziehung, Modell- und
Nachahmungsverhalten, fehlende Gebrauchsgegenstände wie z.B. Schere.
- Kinder, die sich bewusst auf eine Hand festlegen, weil
sie so sein wollen "wie die anderen".
- Teilleistungsstörungen, die eine Entwicklung der
Händigkeit beeinflussen können |
Fortsetzung: Diagnostische Fragen zur Bestimmung
der Händigkeit beim Kinderarzt
Alter des
Kindes |
diagnostische Möglichkeiten |
medizinisches Vorsorgeheft |
Beratung und Verordnung des
Arztes |
| Bis 10 Monate |
Beobachtung der Eltern und des
Kinderarztes |
|
|
| 10 - 20 Monate
|
Beobachtung der Eltern und des
Kinderarztes:
Spielzeug, Löffel, Stift, Wachsmalkreide (Gegenstände
mittig anbieten) |
U 6
Eintrag:
- vornehmlich linkshändiges Hantieren
- vornehmlich rechtshändiges Hantieren
- wechselnder,
noch uneindeutiger Handgebrauch |
1. Bei vornehmlich linkshändigem
Hantieren:
- Warnung vor Umschulung der Händigkeit (möglichst
wenig das Thema vor dem Kind problematisieren)
- Hinweis, dass Linkshändigkeit normal ist und man
Händigkeit so natürlich wie das Geschlecht behandeln soll
- Hinweis, dass es Scheren u.a. Gebrauchsgegenstände
für Linkshänder gibt
2. Bei wechselndem Handgebrauch: Kind im Handgebrauch
nicht beeinflussen |
| 4 - 5,5 Jahre
|
Beobachtung der Familie, Erzieher
und des Kinderarztes:
1. Bei Eindeutigkeit ist normalerweise keine Testuntersuchung
notwendig
2. Feststellung der uneindeutigen Händigkeitsmanifestation.
Händigkeitsuntersuchungen bei Fachleuten, die speziell in der Händigkeitsdiagnostik
ausgebildet sind und darin Erfahrungen haben
Zur Beobachtung möglichst einhändig durchgeführte,
möglichst unbeeinflusst von Erziehung, Tätigkeiten, keine asymmetrischen
Gebrauchsgegenstände |
U 8
Eintrag:
- vornehmlich linkshändiges Hantieren
- vornehmlich rechtshändiges Hantieren
- wechselnder, noch uneindeutiger Handgebrauch |
1. Hinweis: rechtzeitig auf lockere Haltung bei schreibvorbereitenden
Übungen achten
2. Untersuchung beim Fachmann mit speziellen Erfahrungen
in Händigkeits- und Entwicklungsdiagnostik |
Tabelle: Diagnostische Fragen zur Bestimmung der Händigkeit
beim Kinderarzt (analog J.B.Sattler: 2001, Schlusswort. In: Kinder- und
Jugendarzt. S. 431.)
Ansprüche an eine umsichtige Händigkeitsuntersuchung
Bei Kindern, die schon relativ früh eindeutig links- oder rechtshändig
hantieren, ist eine Untersuchung und Diagnose der Händigkeit eher
unproblematisch. Schwierigkeiten treten bei der Befunderhebung auf, wenn
eine Hand oder ein Arm verletzt wurden oder wenn Umschulungsversuche z.B.
durch die Familie stattfanden oder wenn das Kind sich selbst durch Modell-
und Nachahmungsverhalten auf die nicht dominante Hand umzuschulen (6) beginnt.
Bei Kindern mit wechselndem Handgebrauch kann eine Händigkeitsuntersuchung
jedoch zeitaufwendig und manchmal die abschließende Entscheidung
schwierig sein. Spätestens im Alter von 4 bis 5 Jahren (Zeitraum der
U 8 im medizinischen Vorsorgeheft) sollte bei solchen Kindern eine umfassende
Händigkeitsuntersuchung durchgeführt werden. Bezüglich der
Händigkeitsbestimmung ist von entscheidender Bedeutung, dass sich
die Fachkraft praktische und theoretische Kenntnisse auf dem Gebiet der
Händigkeitsuntersuchung angeeignet hat.
Eine Händigkeitsuntersuchung sollte sich aus verschiedenen Teilbereichen
zusammen setzen:
a) Erhebung von anamnestischen Daten über das Kind und seine Entwicklung
b) Sorgfältige Beobachtung der Händigkeit bei verschiedenen
Tätigkeiten
c) Berücksichtigung von Händigkeitstests unter dem Gesichtspunkt
der Validität in der heutigen Zeit und für das jeweilige Kind
d) Beobachtung und gegebenenfalls Testung der Fein- und Grobmotorik
des Kindes und damit im Zusammenhang stehenden möglichen Irritationen,
die sich auf den Handgebrauch auswirken können: ein Unfall betreffend
Hand oder Arm, eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten der Hand,
neurologische Erkrankungen, die sich auf den Handgebrauch auswirken können
(z.B. Cerebralparese), noch nicht auf ein normales Maß abgebaute
Reflexe bzw. Reaktionen. Dieser Bereich sollte auf alle Fälle von
geschulten Fachpersonen durchgeführt werden. Wenn die Händigkeitsuntersuchung
von einem nicht auf diesem Gebiet geschulten Berater gemacht wird, ist
unbedingt die Meinung eines diesbezüglich ausgebildeten Ergotherapeuten
oder ähnlichen Fachmanns einzuholen.
Zur Einschätzung der Händigkeit des Kindes müssen alle
diese 4 Teilbereiche sorgfältig und gründlich berücksichtigt
werden. Die endgültige Beurteilung kann nicht durch die Anwendung
einer mathematischen Formel erzielt werden sondern bedarf der Berücksichtigung
der folgenden Faktoren:
1. Sozio-kulturelle Einflüsse (es gehört sich, "so und so"
zu essen, sich so zu begrüßen, so das Kreuzeszeichen in der
Kirche zu machen u.a.)
2. Störungen durch Umschulungsversuche (durch Familienmitglieder
und andere enge Bezugspersonen des Kindes)
3. Neigung zu Modell- und Nachahmungsverhalten des Kindes
4. Neigungen zu handeln und zu denken bei links- oder rechtshemisphärischer
motorischer Gehirndominanz (7).
Im weiter hinten aufgeführten Fallbericht sind alle diese Bereiche
von grundlegender Bedeutung und werden an einem typischen Beispiel aus
der Praxis geschildert.
Tätigkeitsitems und ihre Berücksichtigung
bei der Händigkeitsbeobachtung
Eine sorgfältige Beobachtung der Händigkeit bei verschiedenen
Tätigkeiten sollte unter folgenden Gesichtspunkten betrachtet und
beurteilt werden:
1.1. Sehr spontane, von der Erziehung/Umwelt nicht bzw. kaum geprägte
Tätigkeiten, die mit einer Hand vollzogen werden können.
1.2. Sehr spontane, von der Erziehung/Umwelt nicht bzw. kaum geprägte
Tätigkeiten, die mit zwei Händen vollzogen werden können.
2. Durch Erziehung und Nachahmung geprägte und beeinflusste Tätigkeiten.
3. Durch technische Vorrichtungen geprägte Tätigkeiten und
fehlende linkshandgerechte Produkte.
Fragebogen zur Bestimmung der Händigkeit
In dem Fragebogen zur Bestimmung der Händigkeit wurden die
Tätigkeitsitems nach diesen Gesichtspunkten zusammengestellt. Ein
Auszug des Fragebogens kann entweder aus dem Internet heruntergeladen (www.forum-ergotherapie.de
oder www.lefthander-consulting.org/deutsch/Fragebogen.htm)
oder bei der Redaktion kostenlos bezogen werden (Einzelheiten finden Sie
am Ende des Artikels). Eine ausführliche Beschreibung der einzelnen
Tätigkeitsitems in Bezug auf die oben genannten Gesichtspunkte kann
hier aus Platzgründen nicht vorgenommen werden.
Interessant, aber für die Beurteilung der Händigkeit mit großer
Zurückhaltung zu bewerten ist die Füßigkeit. Wir
benutzen die Füße nicht zu so feinen Tätigkeiten wie die
Hände und so bildet sich die motorische Dominanz entsprechend der
Händigkeit dort auch nicht so großen Maßen aus (8). Des
Weiteren sind an vielen Tätigkeiten beide Füße beteiligt.
Bei Kindern, die z.B. unter Gleichgewichtsstörungen leiden, kann der
Fußgebrauch dadurch maßgeblich beeinflusst sein. Unter solchen
Gesichtspunkten erzielte Ergebnisse dürfen nicht einfach auf die Handdominanz
übertragen werden. Es ist aber sinnvoll, unter Berücksichtigung
der genannten Einwände, den bevorzugten Fußgebrauch zu beobachten.
Anmerkung: Die in dem Auszug aufgeführten Tätigkeitsitems
sind ein Teil des Fragebogens. In Bezug auf ein untersuchtes Kind sind
noch folgende weitere Fragenkomplexe enthalten:
- Mit welchem Auge wird geschaut?
- Händigkeitsentwicklung im Kindesalter
- Händigkeit in der Familie
- Händigkeit der Betreuungs- bzw. Bezugspersonen
- Schwangerschaft der Mutter
- Geburt, Entwicklung im Kleinkindalter und in der Kindergartenzeit
- Verlauf der Grundschulzeit und Auffälligkeiten.
Bewertung der Tätigkeitsbeobachtungen
Eine valide, unseren statistischen Vorstellungen entsprechende Normierung
und Auswertung der Tätigkeitsitems dieses Fragebogens ist unter Berücksichtigung
der oben aufgestellten Kriterien kaum möglich. Ein rein quantitativ
ermitteltes Ergebnis (das bedeutet eine "bloße" Auszählung der
einzelnen Tätigkeitsitems, also rechte Hand, linke Hand oder wechselnd
einmal die rechte und einmal die linke Hand) kann kein hinreichend valider
Indikator für die Händigkeitsbestimmung sein. Denn auf der Phänomenebene
sind und werden wesentliche biografische Entwicklungen nicht sichtbar.
Diese bedürfen eher einer qualitativ orientierten Exploration. Nur
so wäre es - wenn überhaupt - möglich, die einzelnen Tätigkeitsbeobachtungen
unter den oben genannten Gesichtspunkten zu beleuchten und diese Ergebnisse
dann in die statistische Auswertung einzubeziehen.
Wenn aber bestimmte Gesichtspunkte bei der Beurteilung einer Tätigkeit
für die Händigkeitsdiagnose nicht berücksichtigt werden,
kann dies zu massiven Verzerrungen bei der Händigkeitsuntersuchung
und -bestimmung eines Kindes führen.
Zum Beispiel kann das für die Händigkeitsdiagnose eigentlich
sehr aussagekräftige Malen und Schreiben durch sozio-kulturell beeinflusste
Vorstellungen der Umwelt bei manchem eindeutig linkshändigen Kind
leicht umgeschult werden. Gerade sensible, wache und beobachtende Kinder
lassen sich manchmal schnell von Argumenten beeinflussen. Sie malen und
schreiben dann rechts, obgleich sie viele andere Tätigkeiten mit der
linken Hand weiter durchführen und eigentlich Linkshänder sind.
Ähnliches gilt für den Gebrauch der Schere.
Hier müsste dem Umstand der Umschulung der Schreibhand in der statistischen
Bewertung eine vom Beobachter bzw. Tester eigenmächtige spezifische
Gewichtung gegeben werden. Ob die Bewertungskriterien bei einer Gewichtung
jedoch statistischen Ansprüchen bei der Auswertung gerecht werden,
ist zu bezweifeln und sicherlich auch abhängig davon, wann die Testung
gemacht wurde. So wurde vor 15 Jahren noch sehr intensiv umgeschult. Dies
geschah nicht nur beim Schreiben sondern auch bei verschiedenen anderen
Tätigkeiten. Heute werden zwar weit weniger Kinder bewusst umgeschult,
jedoch durch die allgemeine Diskussion des Themas in manchen Familien werden
Kinder dennoch beeinflusst und ihre dominante Hand wird manchmal nicht
mehr so spontan eingesetzt.
In diesem Zusammenhang ist die Arbeit von Horst Nutzhorn interessant,
in der er für einzelne Tätigkeiten Punktwerte berechnet hat.
Diese umfassen Aufgaben, die mit der tatsächlichen Händigkeit
überhaupt nicht und Aufgaben die sehr wahrscheinlich mit der Händigkeit
übereinstimmen. Die Aufgaben, die bezüglich der Händigkeit
am aussagekräftigsten waren bekamen 7, die aussageschwächsten
wurden mit 2 Punkten bewertet. Ungeeignete Aufgaben wurden mit 0 bewertet.
Schreiben und Malen hat er nicht aufgenommen. Zur Beurteilung der Manifestation
der Händigkeit berücksichtigt er auch sozio-kulturelle Faktoren,
Bildungsstand, Intelligenz, Beruf der Eltern und ähnliche Faktoren
(9).
Auch heute ist die Bewertung einzelner Tätigkeiten stark von der
jeweiligen Haltung gegenüber der Händigkeit in einer Gesellschaft
abhängig. Das ist ein Problem, das statistische Testverfahren allerdings
immer haben und warum z.B. Berufseignungstests, die in Deutschland entwickelt
wurden, in der Schweiz einer eigenen Normierung unterzogen werden müssen.
Auf die Händigkeit bezogen kennen wir Kulturen, die auch in der Jetztzeit
die linke Hand für die schmutzige, unreine erachten und Gesellschaftsgruppen,
die nach wie vor linkshändige Kinder zum Schreiben auf rechts umschulen.
Auch die Begriffe Präferenz- und Leistungsdominanz
sind bei der Händigkeitsbeurteilung gerade in diesem Zusammenhang
sehr unsichere Diagnosekriterien. Bei einem zum Schreiben und Malen umgeschulten
Linkshänder würde die Frage nach der Präferenzdominanz für
Schreiben und Malen "mit der rechten Hand beantwortet". Dann sagt diese
Präferenz bei so einem Kind gerade nichts Wesentliches über seine
Händigkeit aus sondern etwas über die Umschulung, den Umgang
der Umwelt oder sogar des Kindes selbst mit seiner Händigkeit.
Die Leistungswerte in einem normierten Test wie dem Hand-Dominanz-Test
H-D-T von Steingrüber und Lienert (10) sind nach einer Umschulung
der Händigkeit zum Malen und zum Schreiben leider oft auch nicht mehr
eindeutig bezüglich der Aussage über die tatsächliche Händigkeit:
Es werden ja gerade diese Tätigkeiten durch den Test gemessen und
die Leistungen ausgewertet, die umgeschult wurden. Das bedeutet, Fehler
in der Testauswertung sind vorgegeben.
Daher erscheint eine umfassende Händigkeitsuntersuchung nicht anhand
statistische Werte festlegbar zu sein sondern die Beurteilung muss unter
Berücksichtigung der oben aufgeführten Faktoren gewissermaßen
individuell vorgenommen werden.
Es soll hier nicht gegen statistische Aufstellungen gesprochen werden
sondern es sollen die Gefahren aufgezeigt werden, die gerade bei dem äußerst
komplexen Thema der Händigkeitsuntersuchung und -diagnose berücksichtigt
werden müssen, möchte man sich nicht sofort wieder selbst in
Frage stellen.
Folgen der Umschulung der Händigkeit
Durch eine Umschulung der Händigkeit von der dominanten auf die
nicht dominante Hand, insbesondere bei so intellektuell belastenden Tätigkeiten
wie z.B. dem Schreiben, das große feinmotorische Anforderungen stellt,
kann es zu verschiedenen negativen Primär- und Sekundärfolgeerscheinungen
kommen.
Primärfolgen können sein:
-
Gedächtnisstörungen (besonders beim Abrufen von Lerninhalten)
-
Konzentrationsstörungen (schnelle Ermüdbarkeit)
-
legasthenische Probleme (Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten)
-
Raum-Lage-Labilität (Links-Rechts-Unsicherheit)
-
feinmotorische Störungen (die sich z.B. im Schriftbild äußern)
-
Sprachstörungen (Stammeln bis zum Stottern)
Diese Primärfolgen können sich dann in unterschiedliche Sekundärfolgen
umsetzen:
-
Minderwertigkeitskomplexe
-
Unsicherheit
-
Zurückgezogenheit
-
Überkompensation durch erhöhten Leistungseinsatz (Demosthenes-Effekt)
-
Trotzhaltung, Widerspruchsgeist, Imponier- und Provokationsgehabe (z.B.
"Klassenkasperle spielen" im Unterricht, und im Erwachsenenalter die Rolle
des Clowns und des andauernden, oft krampfhaften Witzemachers)
-
unterschiedlich ausgeprägte Verhaltensstörungen
-
Bettnässen und Nägelkauen
-
emotionale Probleme bis ins Erwachsenenalter mit neurotischen und/oder
psychosomatischen Symptomen
-
Störungen im Persönlichkeitsbild.
Alle unter Primär- und Sekundärfolgen aufgeführten Schwierigkeiten
können selbstverständlich auch ohne eine Umschulung der Händigkeit
auftreten, und zwar genauso bei Links- wie bei Rechtshändern. Durch
eine zusätzliche Umschulung der Händigkeit werden aber diese
Schwierigkeiten, wie die Praxis zeigt, noch unverhältnismäßig
verstärkt.
Die Umschulung der Händigkeit greift also in Gehirnablaufsprozesse
störend und behindernd ein und zwingt den Menschen, andauernd weit
mehr Kräfte einzusetzen, um seine Intelligenz zu mobilisieren, als
ein unbehinderter, von den Folgen der Umschulung der Händigkeit nicht
betroffener Links- oder Rechtshänder benötigt.
Die Intelligenz selbst wird nicht vermindert, jedoch ihre Manifestation
gestört, z.B. beim Formulieren und Ausdrücken der Gedanken,
beim Abrufen von Lerninhalten in Schrift und Sprache, und so kommt es andauernd
zu einem erhöhten Kräfteeinsatz.
Sattler, Johanna Barbara (1995) Der umgeschulte Linkshänder
oder Der Knoten im Gehirn. 6. Aufl. 2000, Auer Verlag, Donauwörth,
S. 49f.
Fallbericht eines im Handgebrauch wechselnden Kindes
mit Händigkeitsuntersuchungen im Abstand von einem Jahr
Im Februar 1997 wurde Johannes (11) zur Händigkeitsabklärung
in der Beratungsstelle für Linkshänder in München vorgestellt.
Er war 5 Jahre und 4 Monate alt und kam in Begleitung seines Vaters.
Johannes war sofort einverstanden ein Bild zu malen und wechselte dabei
den Stift von der linken in die rechte, von der rechten in die linke Hand
und im nächsten Moment wieder zurück.
Weder die Ergotherapeutin, die ihn seit einem Jahr betreute, noch die
Eltern konnten eine eindeutige Links- oder Rechtshändigkeit bei ihm
feststellen.
Besondere Sorgen machte den Eltern auch der Umstand, dass von Geburt
an sein rechter Daumen auffällig war. Eine Klinik hatte bei dem Kleinkind
u.a. festgestellt, dass sich die rechte Hand nicht vollständig streckbar
wäre, der rechte Daumen adduziert sei und eine Radialabduktion der
rechten Hand vorläge. Als Diagnose wurde eine zentrale Koordinationsstörung
leichten Grades und Fehlhaltung der rechten Hand festgestellt. Es wurde
empfohlen Krankengymnastik nach Vojta anzuwenden.
Der Kinderarzt war jedoch mit dieser Diagnose nicht zufrieden und wollte
eine Hypoplasie des Handwurzelskeletts untersuchen und gegebenenfalls ausschließen
lassen. In einer anderen Kinderklinik wurde dann eine Hypoplasie des Daumens
befundet.
Schwangerschaft, Geburt und allgemeine Entwicklung
des Kindes
In der Schwangerschaft kam es zu Blutungen, die Mutter musste liegen
und eine Cerclage wurde angelegt.
Die Geburt wurde in der 39. Schwangerschaftswoche wegen abfallender
Herztöne mit Kaiserschnitt durchgeführt. Der APGAR war 10, 10,
10.
Johannes wurde bis zum Alter von 13 Monaten mit Krankengymnastik nach
Vojta und dann nach Bobath behandelt. Ob Johannes gekrabbelt hat war nicht
mehr eindeutig zu klären. Laufen lernte er mit 13 Monaten ohne große
Probleme, Sprechen eher spät, aber dann sprach er gleich gut.
Mit viereinhalb Jahren kam er in die Ergotherapie wegen Schwierigkeiten
in der Feinmotorik und in der Koordination. Den Kindergarten besuchte er
seit dem Alter von 4 Jahren. Er würde gern basteln, malen und mit
Duplo© spielen, zeitweise puzzele er gern.
Johannes hat eine ausgeprägte Fantasie, was auch bei der Testuntersuchung
der Händigkeit auffällt. Er begleitet das Malen einer Katze mit
vielen Erzählungen und sucht regelmäßig die Aufmerksamkeit
von Vater und Beraterin auf sich zu lenken. Seinen Namen schreibt er in
Spiegelschrift, wobei er auch im Handgebrauch wechselt. Über seine
Konzentrationsfähigkeit berichtet der Vater, dass Johannes gut zuhören
könne, aber auch beschäftigt werden möchte.
In der folgenden Tätigkeitsbeobachtung in der Beratungsstelle fällt
sein Einsatz auf, den er aufwendet um Aufgaben zu lösen. Selbst bei
seinem Misserfolg einen kleinen Kreisel zu drehen, gibt er lange nicht
auf. Obgleich er schnell nach neuen, anderen Beschäftigungen sucht
und nicht still sitzen kann, zeigt er ein gutes Gedächtnis z.B. für
Memorybilder.
Erhebungen zur Händigkeit
In der Familie sind dem Vater nur Rechtshänder bekannt. Allerdings
hat Johannes keine Geschwister, von Seiten des Vaters gibt es eine Tante
mit einer Tochter, deren Händigkeit nicht bekannt ist. Die Mutter
hat keine Geschwister.
Der Vater schildert, dass Johannes als Kleinkind viel mit der linken
Hand gemacht habe wegen der nach innen "eingeschlagenen", geschlossenen
rechten Hand. Nach einem Jahr hätte sich das gebessert und er habe
dann auch die rechte Hand benutzt. Seit dem Alter von ca. 3 Jahren habe
er vornehmlich beidhändig hantiert. Er scheint keine Schwierigkeiten
mehr mit der Benutzung des rechten Daumens zu haben.
Zur Tätigkeitsbeobachtung des Handgebrauchs wurden über 30
Tätigkeitsitems aus dem obigen Fragebogen spielerisch durchgeführt.
Dabei fiel neben dem häufigen Wechseln der Führungshand (oft
innerhalb von einem Handlungsablauf) besonders auf, dass er bei für
ihn neuen Tätigkeiten oft die linke Hand benutzte, z.B. Aufziehen
eines mechanischen Spielzeugs. Hingegen wurden gelernte, nachgeahmte Tätigkeiten,
wie z.B. die Benutzung des Essbestecks, mehr mit der rechten Hand durchgeführt.
Hand-Dominanz-Test HDT: Rechts schien das Spurennachzeichnen flüssiger
zu sein. Die linke Hand wirkte feinmotorisch gestörter und beim Nachspuren
wollte er öfter nach rechts wechseln, was zu einem Zeitverlust und
zu einem etwas schlechteren Ergebnis als mit der rechten Hand führte.
Beim Durchlauf mit der rechten Hand versuchte er nicht, den Stift in die
linke zu wechseln. Beim Punktieren kam er mit der linken Hand weiter. Es
traten assoziierte Mitbewegungen sowohl in den Händen als auch starke
Bewegungen in den Füße unter dem Tisch auf und er gab an, dass
die linke Hand "erschöpfter" sei.
Beim Hand-Tapping zeigten sich eindeutige Linkshänderwerte, wobei
feinmotorische Störungen auffielen.
Untersuchungsergebnis
Nach Abwägung aller Untersuchungsergebnisse und unter Einbeziehung
der anamnestischen Daten ist Johannes aller Wahrscheinlichkeit ein Linkshänder
mit Teilleistungsstörungen in verschiedenen Bereichen. Die linke Hand
wirkte feinmotorisch gestörter als die rechte und ermüdete folglich
schneller. Das könnte ein Grund für das Wechseln des Handgebrauchs
sein - er hat die rechte, wahrscheinlich nicht dominante Hand für
verschiedene Tätigkeiten mehr geübt und setzte sie bei Erschöpfung
der linken Hand ein. Hinzu kommen noch Probleme beim Überkreuzen der
Mittellinie, die den wechselnden Handgebrauch ihrerseits noch verstärken.
Koordinationsprobleme wurden beim Hüpfen und Kreiseln besonders deutlich.
Beratungsinhalt und Prognose
Dem Vater wurde als vorläufiges Ergebnis mitgeteilt, dass Johannes
entsprechend den Untersuchungsergebnissen aller Wahrscheinlichkeit nach
Linkshänder sei, dass aber die linke Hand feinmotorisch mehr gestört
sei, was auch das Wechseln beim Handgebrauch begünstige. Es sei also
nicht der verkürzte rechte Daumen, der zu dem starken Einsatz der
linken Hand führt, denn dieser behinderte ihn beim Hantieren nicht.
Es wurde vorgeschlagen, Johannes jetzt nicht direkt auf links zu trainieren
sondern noch zu warten und mehr seine Koordination und allgemeine Feinmotorik
zu fördern.
Als Prognose wurde aufgestellt, dass sich Johannes immer mehr auf die
linke Hand beim Malen und ersten Schreiben (seines Namens) festlegen würde.
Wenn sich das nicht so einstellt, sollen die Eltern noch mal mit Johannes
in der Beratungsstelle vorstellig werden. Sicherheitshalber wurde dem Kind
und seinem Vater eine lockere Schreibhaltung mit links gezeigt und Nachspurübungen
für die Zeit, wenn er feinmotorisch weiter sein wird, mitgegeben.
In einem Telefonat mit der Ergotherapeutin wurde die Händigkeitsuntersuchung
besprochen, die Vorschläge zum weiteren Vorgehen begründet und
die angenommene prognostische Entwicklung der Händigkeit mitgeteilt.
Händigkeitsuntersuchung ein Jahr später
Im Februar 1998 kommt es zu einer erneuten Untersuchung von Johannes
in der Beratungsstelle für Linkshänder.
Als der Vater den Termin vereinbarte, erwähnte er, dass in der
Familie noch Vorbehalte gegenüber der Linkshändigkeit von Johannes
bestünden und nannte besonders die Großeltern.
Mit der Ergotherapeutin fand kurz vor dem Termin ein Gespräch statt
und sie berichtete, dass der Schwerpunkt der ergotherapeutischen Arbeit
in der Zwischenzeit auf Feinmotorik, Druckdosierung, Gleichgewicht, Tiefensensibilität
und Ausdauer liege. Johannes könne inzwischen Schleifen binden und
die Ausdauer habe sich gut verbessert. Das Gleichgewicht sei noch nicht
so gut. Nach ihrer Beobachtung führt er etwa 75 % der Tätigkeiten
mit links durch.
Zur Händigkeitsuntersuchung kommen diesmal beide Elternteile mit.
Bei der Tätigkeitsbeobachtung wurde ein großer Teil der Tätigkeitsitems
wiederholt und es bestätigte sich die Beobachtung der Ergotherapeutin,
dass die linke Hand häufiger und länger eingesetzt wird. Das
andauernde Hin- und Herwechseln im Handgebrauch, das ein Jahr zuvor sehr
auffällig war, ist weit weniger geworden. Johannes malt jetzt durchgehend
mit der linken Hand. Allerdings scheint das Kreuzen der Mittellinie immer
noch nicht problemlos zu erfolgen. Das fällt besonders bei der Testdurchführung
des Hand-Dominanz-Tests auf. Hier ist er nicht bereit, jeweils an der gegenüberliegenden
Seite (wie es der Test vorgibt) zu beginnen. Das Spurennachzeichnen ist
im Ergebnis nicht eindeutig, jedoch betont er ostentativ, dass er sich
"Zeit lässt". Wahrscheinlich hat die Anweisung so schnell wie möglich
zu arbeiten zu der Reaktion geführt, dass er sich nicht unter Druck
setzen lassen möchte. Beim Punktieren arbeitet er ohne diesen Widerstand
und die linke Hand setzt sich durch. Mehrfach erklärt er, dass er
auf die rechte Hand tippt und auf die Nachfrage warum, erklärt er,
"ich mag Rechtshänder sein, weil das besser ist" (12).
Im Laufe der Beratung stellt sich heraus, dass sich Johannes, um die
linke und rechte Seite zu unterscheiden, an der Kleidung seiner Mutter
orientiert. Er hat sie zuvor im Gang noch gefragt, wo links und wo rechts
sei und sich die Seiten an ihrem Pullover eingeprägt. Die Mutter versucht
das zu bestreiten, aber er beharrt so entschieden darauf, dass sie ihm
das zuvor gesagt habe, dass sie nachgibt.
Als im Gespräch mit den Eltern ohne Johannes nachgefragt wird,
welche Seite der Großeltern denn noch Vorbehalte gegenüber der
Linkshändigkeit habe, stellt sich heraus, dass es nicht die Großeltern
sind sondern die Mutter selbst. Sie möchte nichts falsch machen und
meinte nach wie vor, dass wegen der Verkürzung des rechten Daumens
es zu der Unsicherheit im Handgebrauch bei Johannes gekommen sei. Der Mutter
war es sehr wichtig, möglichst keinen Fehler zu machen und nicht die
falsche Händigkeit einzuüben. Das hatte vermutlich zu Diskussionen
zwischen den Eltern geführt und dazu, dass die Mutter mit zur Beratung
gekommen ist. Anzumerken ist, dass sie seitdem ihren Sohn auch in die Ergotherapie
begleitete, in die sie zuvor nie mitgekommen war.
Die Teilnahme an der Händigkeitsuntersuchung und das Gespräch
dort, ermöglichte es der Mutter die Linkshändigkeit von Johannes
als naturgegeben anzunehmen. Es war auf der anderen Seite sehr wichtig
für das Kind, dass beide Eltern seine Linkshändigkeit akzeptierten
und dass am Schluss des Beratungsgesprächs gerade die Mutter mit Johannes
über seine Linkshändigkeit sprach und diese somit offiziell anerkannte.
In dem folgenden halben Jahr bis zur Einschulung wurde gezielt eine
lockere Schreibhaltung mit links vorbereitet, jedoch auch die Ergotherapie
fortgesetzt.
In der Schule entwickelte Johannes eine sehr schöne Schrift und
wurde häufig dafür ausgezeichnet. Die befürchteten Teilleistungsprobleme,
insbesondere in der Ausdauer, sind bisher nicht aufgetreten.
Differentialdiagnostische Erhebung bei Kindern mit
wechselndem Handgebrauch
Es wäre sinnvoll, wenn Ergotherapeuten bzw. Fachleute, die mit
bewegungsauffälligen Kindern arbeiten, eine möglichst differenzierte
Befunderhebung der festgestellten Defizite und Entwicklungsverzögerungen
bei Kindern mit wechselndem Handgebrauch aufzeichnen würden. Dies
könnte als Screeningraster zur Behandlung dieser Kinder genutzt werden,
uns aber zunächst mehr Informationen darüber geben, welche Problembereiche
bei solchen Kindern besonders hervortreten.
Therapeuten mit Zusatzausbildungen haben jeweils andere Beobachtungskriterien
und -schwerpunkte. Mir ist bewusst, dass man nicht allen diesen Gesichtspunkten
in so einem Beobachtungsblatt gerecht werden kann und dass manche Differenzierung
sicher mit dem einen oder anderen Ansatz etwas kollidiert - oder anders
gesagt, dass manche Problembereiche nicht wirklich voneinander trennbar
sind. Um den verschiedenen Gesichtspunkten möglichst etwas gerecht
zu werden, kommt es manchmal auch zu Wiederholungen der zu beobachtenden
Kriterien in dem "Erhebungsbogen von Defiziten und Entwicklungsverzögerungen
bei Kindern mit wechselndem Handgebrauch". Dieser Bogen kann auch aus
dem Internet heruntergeladen (www.forum-ergotherapie.de)
oder bei der Redaktion kostenlos bezogen werden (Einzelheiten finden Sie
am Ende des Artikels).
Es ist aber sehr wichtig, dass wir uns darum bemühen, Kinder mit
wechselndem Handgebrauch genauer zu beobachten. Es ist ein Versuch,
uns mit diesem Beobachtungsbogen bessere Einschätzungsmöglichkeiten
zu erarbeiten.
Es ist im Interesse der Entwickler dieses Erhebungsbogens, dass Ergotherapeuten
und andere Bewegungstherapeuten bei Kindern mit wechselndem Handgebrauch
diesen Bogen ausfüllen und an die Verfasserin schicken. Die Auswertung
dieser Erhebungen würde uns vielleicht genauere Hinweise auf Irritationen
und Entwicklungsstörungen bei Kindern mit wechselndem Handgebrauch
geben und möglicherweise Schlüsse auf therapeutische Interventionen
zulassen.
An dieser Stelle möchte ich allen Ergotherapeuten danken, die im
Laufe meiner Arbeit meine Fragestellungen begleitet haben, die durch ihre
Fragen Denkprozesse angeregt haben und deren Überlegungen und Beobachtungen
zu einer weit differenzierten Beobachtung von linkshändigen Kindern
und Kindern mit noch wechselndem Handgebrauch beigetragen haben. Dabei
handelt es sich um eine große Anzahl von ErgotherapeutInnen, die
meine Seminare besucht haben und von denen viele in stetigem Kontakt zu
mir stehen und um eine weitere Gruppe von Fachleuten, die die Zusatzausbildung
zum/zur Linkshänder-BeraterIn nach meiner Methode durchlaufen haben
und durchlaufen.
Wir können nur durch Erhebung von Daten in der Praxis und deren
Auswertung, durch genaue Beobachtung der Kinder und durch eine umsichtige
anamnestische Erhebung des Umfelds der Kinder unter Einbeziehung von Persönlichkeitseigenschaften
dieser Kinder, soweit das im Rahmen einer ergotherapeutischen Arbeit liegt,
zu einer angemessenen Behandlung der Thematik kommen.
Fußnoten:
(1) Sattler, Johanna Barbara (1993) "'Beidhänder'"
sind hirngeschädigt". In: Münchener Medizinische Wochenschrift,
Nr. 21, S. 291/35-294/40. Wieder abgedruckt in: Sattler, J.B. (1995) Der
umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn. Auer Verlag
Donauwörth, 6. Aufl. 2000, S. 350-356.
(2) Zwei frühere Artikel der Autorin befassen sich
auch mit der Händigkeit von Kindern im therapeutischen und medizinischen
Bereich: Sattler, J.B. (1999) "Linkshänder
und umgeschulte Linkshänder in der Ergotherapie". In: praxis
ergotherapie, 12. Jg. (2), S. 98-110.
Sattler, J.B. (2001) "Linkshändige
und umgeschulte linkshändige Kinder und Jugendliche". In:
Kinder- und Jugendarzt. Zeits. des Berufsverbandes der Ärzte für
Kinderheilkunde und Jugendmedizin Deutschland e.V. 32. Jg. (2), S. 139-147.
(3) Lehrpläne
für die Berufsfachschule für Ergotherapie (2001) Herausgeber:
Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung, München.
Vertrieb: Verlag Alfred Hintermaier, München.
(4) Neufassung
des Lehrplans für die Grundschulen in Bayern (2000) Bayerisches
Staatsministerium für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung
und Kunst, München. Herausgeber: Staatsinstitut für Schulpädagogik
und Bildungsforschung, München. Vertrieb: R. Oldenbourg Betriebs GmbH,
Kirchheim b. München. S. 78. Eine Zusammenstellung der Textstellen
findet man im Internet unter: www.lefthander-consulting.org/deutsch/lehrplanbayern.htm
(5) Sattler, Johanna Barbara (2001) Schlusswort. In: Kinder-
und Jugendarzt. Zeitschrift des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.
32. Jg., Nr. 5. S. 430-432. S. 431.
(6) Sattler, Johanna Barbara (1998) Zur
Testung der Linkshändigkeit. In:Left
Hand Corner, Nr. 2, 1/98, S. 56-12.
(7) Sattler, Johanna Barbara (1998) Die
Psyche des linkshändigen Kindes. Von der Seele, die mit Tieren spricht.
Auer Verlag, Donauwörth, 1999 .
(8) Siehe dazu auch Murray, Elizabeth A. (1998) Hemisphärenspezialisation.
In: Fisher, Anne G., Elizabeth A. Murray, Anita C. Bundy, Sensorische Integrationstherapie.
Springer-Verlag, Berlin, 1. korrigierter Nachdruck 1999. S. 281-329. S.
290.
(9) Nutzhorn, Horst (1953) Untersuchungen zum Rechts-Links-Problem.
Ein Beitrag zur Diagnose und psychologischen Bedeutung der Seitigkeit des
Menschen. Braunschweig: Dissertation.
(10) Steingrüber, Hans-Joachim, Gustav A. Lienert
(1971) Hand-Dominanz-Test H-D-T. Verlag für Psychologie Dr. C.J. Hogrefe,
Göttingen, 2. Aufl. 1976.
(11) Name geändert.
(12) Es gibt von beiden Händigkeitsuntersuchungen
eine Videoaufzeichnung, die von Anfang bis Ende aufgenommen wurde. Daher
sind die Aussagen von Johannes bis heute genau nachvollziehbar.
Schlüsselwörter:
Linkshänder, Händigkeit, umgeschulte Linkshänder, wechselnder
Handgebrauch, Beidhänder, Händigkeitstests. Testuntersuchung
der Händigkeit
Keywords:
left-hander, handedness, converted left-hander, switching back and forth
between the hands, ambidexter, testing handedness
Literatur
Lehrpläne für die Berufsfachschule für Ergotherapie.
(2001). Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Herausgeber:
Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung, München.
Vertrieb: Verlag Alfred Hintermaier, München
Neufassung des Lehrplans für die Grundschulen in Bayern. (2000).
Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus und Wissenschaft,
Forschung und Kunst . Herausgeber: Staatsinstitut für Schulpädagogik
und Bildungsforschung, München. Vertrieb: R. Oldenbourg Betriebs GmbH,
Kirchheim b. München
Murray, Elizabeth A. (1998) Hemisphärenspezialisation. In: Fisher,
Anne G., Elizabeth A. Murray, Anita C. Bundy, Sensorische Integrationstherapie.
Springer-Verlag, Berlin, 1. korrigierter Nachdruck 1999, S. 281-329
Nutzhorn, Horst (1953) Untersuchungen zum Rechts-Links-Problem. Ein
Beitrag zur Diagnose und psychologischen Bedeutung der Seitigkeit des Menschen.
Braunschweig: Dissertation
Sattler, Johanna, Barbara (1993) "'Beidhänder'" sind hirngeschädigt".
In: Münchener Medizinische Wochenschrift, Nr. 21, S. 291/35-294/40.
Wieder abgedruckt in: Sattler, J.B. (1995) Der
umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn. Auer Verlag
Donauwörth, 6. Aufl. 2000, S. 350-356
Sattler, Johanna, Barbara (1995) Der
umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn. Auer Verlag
Donauwörth, 6. Aufl. 2000
Sattler, Johanna Barbara (1998) Zur
Testung der Linkshändigkeit. In: Left
Hand Corner, Nr. 2, 1/98, S. 6-12
Sattler, Johanna Barbara (1998) Die
Psyche des linkshändigen Kindes. Von der Seele, die mit Tieren spricht.
Auer Verlag, Donauwörth, 2000 (3)
Sattler, Johanna Barbara (1999) "Linkshänder
und umgeschulte Linkshänder in der Ergotherapie". In: praxis ergotherapie,
12. Jg. (2), S. 98-110
Sattler, Johanna Barbara (2001) "Linkshändige
und umgeschulte linkshändige Kinder und Jugendliche". In: Kinder-
und Jugendarzt. Zeits. des Berufsverbandes der Ärzte für Kinderheilkunde
und Jugendmedizin Deutschland e.V. 32. Jg. (2), S. 139-147
Sattler, Johanna Barbara (2001) Schlusswort. In: Kinder- und Jugendarzt.
Zeitschrift des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. 32. Jg.,
Nr. 5. S. 430-432
Steingrüber, Hans-Joachim, Gustav A. Lienert (1971) Hand-Dominanz-Test.
H-D-T. Verlag für Psychologie Dr. C.J. Hogrefe, Göttingen, 2.
Aufl. 1976
Achtung:
der "Fragebogen zur Bestimmung der Händigkeit"
und der "Erhebungsbogen von Defiziten und Entwicklungsverzögerungen
bei Kindern mit wechselndem Handgebrauch" stehen Ihnen hier
zum kostenlosen Download zur Verfügung.
Zusammenfassung
Um Kinder angemessen fördern und behandeln
zu können, interessieren die angeborene Händigkeit , altersgerechte
Ausbildung der Handpräferenz sowie bereits erfolgte Umschulungsversuche.
Um bei Kindern mit wechselndem Handgebrauch oder bei umgeschulten Kindern
die angeborene Händigkeit herauszufinden, stellt die Autorin im Beitrag
selbst sowie in zusätzlich abrufbaren Fragebögen umfangreiches
Material zur Verfügung, mit dem eine differenzierte Händigkeitsuntersuchung
vorgenommen werden kann. Ein Fallbericht ergänzt die Ausführungen.
Schlüsselwörter: • Linkshänder
• Händigkeit • umgeschulte Linkshänder • wechselnder Handgebrauch
• Beidhänder • Händigkeitstests
Summary
When treating children, it is important for the
therapist to be aware of their natural left or right handedness, the age-related
extent of their hand preference, as well as any attempts that have been
made to change that preference. In order to discover the natural handedness
of children who keep switching hands or who have been retrained, the author
provides extensive material in this article as well as in additional questionnaires,
which can be used to determine the handedness. A case study completes the
presentation.
KEY WORDS: • left-hander • handedness
• converted left-hander • switching back and forth between the hands •
ambidexter • testing handedness
Résumé
Afin de proposer aux enfants des exercices et
un traitement adéquat, il convient de connaitre quelle est la latéralité
innée,le stade de développement correspondant à l’âge
ainsi que les essais de changement de côté. Afin de déterminer
le côté dominant auprès d’enfants changeant de main
souvent, ou ayant été contrariés dans leur latéralisation,
l’auteur met à disposition dans l’article lui-même, ainsi
que des tests supplémentaires, du matérial varié avec
lequel un examen différencé de la latéralité
peut être effectué. Un exemple cas complète l’explication.
MOTS CLEFS: • gaucher • latéralité
• gaucher contrarié • latéralité changeante • ambidextrie
• test de latéralité
Anschrift der Autorin:
Dr. Johanna Barbara Sattler
approbierte Psychotherapeutin
Leiterin der Ersten deutschen Beratungs- und
Informationsstelle
für Linkshänder und umgeschulte
Linkshänder
Sendlinger Str. 17
80331 München
Tel.: 0 89 / 26 86 14
www.lefthander-consulting.org
© Copyright: Dr. Johanna Barbara Sattler
Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für
Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, Sendlinger Str. 17,
80331
München, Tel. / Fax: +49 / 89 / 26 86 14
http://www.lefthander-consulting.org,
e-mail: info@lefthander-consulting.org