Left
Hand Corner, Nr. 8, 7/1999
Zur
Bedeutsamkeit einer Händigkeitsdiagnostik für die
berufliche
Praxis
aus
der Sicht der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für
Linkshänder und umgeschulte Linkshänder, München
Pro
und Contra einer Händigkeitsdiagnostik für die berufliche Praxis
Dr.
Johanna Barbara Sattler, Dr. Ivo-Kurt Cizek, Dipl.-Psych., M.A. (Soz.)
Eine
Händigkeitsdiagnostik in der beruflichen Praxis kann nur dann sinnvoll
sein, wenn die daraus gewonnenen Ergebnisse zu folgenden Zielen verwendet
werden:
1. größere
Chancengleichheit am Arbeitsplatz für Linkshänder (Rechtshänder
sind bis zum heutigen Zeitpunkt nicht explizit zu erwähnen, da sie
bisher im Allgemeinen sowieso der Maßstab waren, nach dem ergonomische
Überlegungen getroffen wurden). Daraus ergibt sich
2. eine
bessere Konkurrenzfähigkeit für Linkshänder.
3. Verhinderung
von Fehlhandlungen und Arbeitsunfällen,
die auf nicht linkshandgerechte Anordnungen, Abläufe, Gebrauchsgegenstände
und Maschinen zurückzuführen sind, bzw. durch diese begünstigt
werden.
4. Verhinderungen
von körperlichen Folgeerscheinungen,
wie z.B. Haltungsschäden durch eine andauernde schlechte Körperhaltung,
die sich aus für linkshändig präferiertes Hantieren ungünstigen
Arbeitsabläufen ergibt.
5. Verhinderung
von negativen Folgeerscheinungen durch Arbeitsabläufe und ungünstige
Belastungen,
die denen einer Umschulung von der dominanten auf die nicht dominante Hand
ähnlich sind und sowohl bei nicht umgeschulten Linkshändern hervorgerufen
als auch bei umgeschulten Linkshändern noch vertieft werden können
(s. Fallbericht "Auf Rechtshänder normierte Briefsortierung bei Postbeamten",
in Left Hand Corner Nr. 6/1999, S. 10-20).
Ziel
einer Händigkeitsdiagnostik in der beruflichen Praxis darf es aber
unter gar keinen Umständen sein, dass Linkshänder oder umgeschulte
Linkshänder aus Arbeitsprozessen heraus selektiert werden, weil man
gerade die in den Punkten 3 und 4 angesprochenen möglichen Folgen
wie Fehlhandlungen, Zeitverlust durch Umgreifen oder chronische Schäden
durch langjährige falsche Körperhaltungen oder Arbeitsunfälle
fürchtet.
Ebenso
schlimm oder noch negativer wäre der Versuch, aufgrund von voreiligen
Schlüssen (pauschalisiert angegebene größere Gefahr von
Arbeitsunfällen) und statistischen Fehlern, z.B. die angebliche frühere
Sterblichkeit von Linkshändern[1],
Linkshändern in Kranken- und Lebensversicherungen als Risikogruppe
zu behandeln (wir haben beides im Ansatz erlebt).
Ein
weiteres Phänomen, an dem sich Pro und Contra einer Händigkeitsdiagnostik
für die berufliche Praxis sehr krass beleuchten lässt, ist die
Neigung vieler Linkshänder, eher besser erst allein produktiv zu arbeiten
und dann ihre Arbeit in die Gruppe einzubringen.
Die
heute in Arbeitsplatzausschreibungen oft geforderte Fähigkeit und
Freude im Team, in der Gruppe, arbeiten zu können, birgt hier die
Gefahr von folgenschweren Fehlerwartungen und einem unproduktiven Zwang.
Zusätzlich soll der Bewerber und spätere Mitarbeiter ja auch
noch innovative Ideen entwickeln. Beides gleichzeitig ist anscheinend bei
vielen hervorragenden Mitarbeitern meist nicht in gleicher Mischung vorhanden.
Eine Händigkeitsdiagnostik könnte hier im positiven Falle helfen,
unsinnige Anforderungen an einem lieber allein arbeitenden Menschen zu
verhindern. Im negativen Fall kann die Händigkeitsdiagnostik aber
auch sehr missbräuchlich angewandt werden. Sie ist in gewisser Weise
weit leichter durchführbar als z.B. das "Herrmann-Brain-Dominance-Model",
birgt in sich aber größere Gefahren, die von der Händigkeit
als eher unabhängig zu betrachtenden Eigenschaften, Begabungen, Charakter,
Intelligenz und Gedächtnisfähigkeit eines Mitarbeiters außer
acht zu lassen.
Voraussetzungen
für eine nützliche Händigkeitsdiagnostik in der beruflichen
Praxis
Wir
haben heute eine Situation, dass die Aufklärung über Händigkeit
und Folgen der Umschulung der Händigkeit in den Grundschulen, also
im pädagogischen Bereich, durchaus Fortschritte gemacht hat. Trotz
aller Bemühungen haben wir es aber noch nicht geschafft, dass ein
großer Anteil der Lehrer den linkshändigen Kindern eine lockere
Schreibhaltung zeigen kann und dies zum Teil sogar überhaupt nicht
für notwendig hält. Linkshändige Kinder werden bei dem Suchen
einer guten Schreibhaltung im Kampf gegen das Verwischen der Tinte noch
oft sich selbst überlassen. In Unterrichtsfächern wie Textilarbeiten
und Werken wird noch weniger auf Linkshänder eingegangen. Sport, insbesondere
Geräteturnen und der Umgang mit bestimmten Sportgeräten ist wenig
untersucht und noch viel weniger werden Ergebnisse konsequent in den Unterricht
umgesetzt.
So
stehen wir heute vor einer Situation, dass
1.Linkshänder
sich eigene Haltungen, Handlungsabläufe und eigene Handhabungen von
Gebrauchsgegenständen aneignen müssen, die oft in Ablauf, Körperhaltung
und Geschwindigkeit nicht optimal sind, sondern zu Verkrampfungen führen
können, zu unnötigen Umständlichkeiten sowie zu Zeitverlust,
was alles die Chancengleichheit in der Konkurrenzsituation in der Schule
und am Arbeitsplatz negativ beeinflussen kann.
2.Linkshänder
automatisieren
oft in individueller Art bestimmte Handlungsabläufe, die zwar für
sie dann umständlicher sind, aber mit denen in der Praxis viele recht
und schlecht durchkommen. Meist sind sie sich dessen gar nicht bewusst
sondern bemerken das erst dann, wenn sie einen für sie ergonomisch
günstigeren Gegenstand in der Hand halten und damit nicht zurecht
kommen. Sie halten diesen, eigentlich ihrer Händigkeit besser angepassten
Gegenstand für nicht benutzbar und entscheiden sich, den gewohnten,
wegen inzwischen fest eingeübten und in Gehirnabläufen verankerten
Automatismen leichter zu handhabenden (rechtshand-bestimmten) Gegenstand
weiter zu benutzen.
Durch
diese Reaktionen werden die Rechtshänder aber wieder irritiert, übersehen,
dass automatisierte Handlungsabläufe nicht einfach umgestellt werden
können und ziehen den falschen Schluss daraus, dass Linkshänder
die linkshandgerechten Gegenstände überhaupt nicht bräuchten.
3.Nicht
umgeschulte erwachsene Linkshänder sind oft weit selbstbewusster und
akzeptieren, wenn sie sich "leisten können", die neuen, für Rechtshänder
konstruierten Gebrauchsgegenstände nicht und fordern ihnen Chancengleichheit
gewährende Geräte zur Verfügung zu stellen (z.B. Schieblehre
in technischen Berufen - Beispiele sind uns bekannt).
Schlussfolgerungen
Um
eine Händigkeitsdiagnostik für die berufliche Praxis sinnvoll
und effizient zu machen, soll beachtet werden, dass
1.entsprechende
linkshandgerechte Gebrauchsgegenstände, Geräte und Maschinen
vorhanden sein müssen;
2.diese
nur dann sinnvoll sind, wenn noch keine Automatismen an nicht linkshandgerechten
Gebrauchsgegenständen,
Geräten und Maschinen aufgebaut wurden.
Bevor
wir über Inhalte der Punkte 1 und 2 überhaupt nachdenken können,
muss eine Basisaufklärung geschehen und verständliches Infomaterial
zu Geräten, Maschinen und Handlungsabläufen den Betrieben bzw.
den Verantwortlichen für Arbeitsplatzgestaltung zur Verfügung
gestellt bzw. zugänglich gemacht werden.
Letzteres
setzt wieder eine breitere Forschung und vor allem eine breitere, aufklärende
Diskussion in der Öffentlichkeit und auch eine Schulung der Verantwortlichen
voraus.
Diese
Aufklärungs- und Schulungsarbeit wird aber auf viele alte Vorurteile
stoßen vor allem aus dem tradierten, oft fast mythischen Bereich.
Weiter
werden sich berufserfahrene, erfolgreich (gegen ihre Natur) hantierende
Linkshänder und umgeschulte Linkshänder mit folgender Aussage
zu Wort melden, nämlich dass sie keine Probleme mit den aus ergonomischen
Gesichtspunkten zwar für sie ungünstigeren Geräten und Abläufen
hätten sondern im Gegenteil, dass sie gerade mit zur Linkshänderanwendungen
ergonomisch angemesseneren Geräten nicht zurecht kämen und sie
werden dadurch für große Irritationen sorgen.
Das
bedeutet, wir müssen zwischen den linkshändigen Menschen unterscheiden,
die ungünstige Handlungsabläufe mühevoll automatisiert und
für sich akzeptabel gemacht haben und den Linkshändern, die alle
Abläufe neu erlernen und die vor allem diese ergonomisch für
ihre Händigkeit günstigeren Geräten ohne vorheriges "Verlernen
von Automatismen" benutzen können.
Hier
ist neben ergonomischer Forschung viel Aufklärungsarbeit mit Einfühlungsvermögen
für beide diametral unterschiedlichen Linkshändergruppen notwendig
und eine Bewusstmachung in der Bevölkerung an den entsprechenden amtlichen
Stellen, die mit Unfallprävention, Arbeitsmedizin, Entwicklung von
ergonomischen Hinweisen für Geräte und Maschinen beschäftigt
sind, äußerst notwendig.
Aus
unserer über 15jährigen wissenschaftlichen und gleichzeitig stark
auf die Praxis bezogenen Arbeit wissen wir, was für einen mühsamen
Weg gerade die Bewusstmachung der Problembereiche in Handlungsabläufen
bedeutet und dass dies nicht nur "von oben herab" gemacht werden kann sondern
auf allen Ebenen erarbeitet werden muss. Dazu gehören auch Berufsschulen
und Lehrpläne und es ist notwendig, immer wieder eine größere
Toleranz und das Bewusstsein, dass es so etwas wie einen Linkshänder
überhaupt gibt, zu pflegen.
Letztendlich
sollten aber bei vielen Geräten, Maschinen und Anordnungen auch Lösungsmöglichkeiten
überdacht werden, die sowohl einen gleich günstigen Gebrauch
für Linkshänder als auch für Rechtshänder ermöglichen.
Bei vielen Geräten wird es sicher im Laufe der Zeit zu einer "beidhändig"
gleich guten Zugänglichkeit und Benutzbarkeit kommen.
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